Soziale Arbeit ist politisch – Fachlichkeit und Widerstand unter neoliberalem Druck

Fachliche Analyse ist politische Analyse. Fachliche Praxis ist politische Praxis.
Unter diesem Leitgedanken luden wir als Arbeitskreis für kritische Soziale Arbeit (AKS) Münster am 23.01.26 gemeinsam mit dem DBSH Münster zu einem Vortrag von Mechthild Seithe ein. Mit ihrem 2011 veröffentlichten Schwarzbuch Soziale Arbeit, hat sich die ehemalige Praktikerin und Dozentin einen Namen als systemkritische Autorin in der Sozialen Arbeit gemacht. Rund 90 Besucherinnen kamen in der Aula der ESG Münster zusammen, um über ihr aktuelles Buch „Soziale Arbeit und Neoliberalismus heute. schwarz auf weiß“ zu diskutieren. Für Mechthild Seithe war es ein Heimspiel: Sie studierte in Münster und kennt die Stadt sowie ihre sozialpolitischen Auseinandersetzungen gut.

Ihr Vortrag machte für uns eindrücklich sichtbar, was wir als AKS bereits vielfach kritisieren: Soziale Arbeit wird zunehmend von neoliberalen Denk- und Handlungslogiken bestimmt. Effizienz, Aktivierung und Regelkonformität verdrängen fachliche und humanistische Grundsätze. Klientinnen werden danach bewertet, wie gut sie sich verwerten lassen, mit der Folge, dass menschliche Würde auf Leistungsfähigkeit und Arbeitsmarktprognosen reduziert wird.

Anhand von Interviews mit Praktikerinnen zeigte Mechthild Seithe die Kluft zwischen den theoretischen Grundlagen Sozialer Arbeit und dem Praxisalltag auf. Besonders deutlich wurde der Widerspruch zwischen humanistischen Ansätzen wie der Lebensweltorientierung nach Thiersch und standardisierten Maßnahmen, betriebswirtschaftlicher Steuerung sowie Konkurrenz unter Trägerinnen. Fachfremde Begriffe wie Effizienz und Erfolg sind längst Teil des professionellen Selbstverständnisses geworden, häufig ohne kritische Reflexion und mit fatalen Folgend für Klient:innen und Fachkräfte.
Zentral war und ist für uns die Frage nach Widerstand in der Sozialen Arbeit. Subversive Einzelstrategien durch kleine Schummeleien mögen den Klient*innen kurzfristig helfen, verändern jedoch keine Strukturen. Notwendig sind kollektive Antworten: Zusammenschlüsse von Sozialarbeitenden, das bewusste stellen von Überlastungsanzeigen, öffentliche Skandalisierung und Aufklärung, Proteste und eine klare fachliche Argumentation jenseits ökonomischer Logiken. Kritisch wurde zudem benannt,
dass der neoliberale Umbau der Sozialen Arbeit an Hochschulen kaum thematisiert wird und viele Studierende sich unzureichend auf die Berufspraxis vorbereitet fühlen. Desweiteren griff Mechthild Seithe das Thema Selbstfürsorge auf: Sie betonte dabei, dass Selbstfürsorge Lebensnotwendig sei, um im bestehenden System durchzuhalten. Jedoch stärkt der Fokus auf individuelle Selbstfürsorge neoliberale Logiken, entkräftet kollektive Veränderungsansätze und lässt politische Kämpfe aus dem Blick verlieren.

In der an den Vortrag anschließenden regen Fragerunde diskutierten wir gemeinsam mit dem Publikum aktuelle politische Entwicklungen vom gesellschaftlichen Rechtsruck über die Politik der Merz-Regierung bis zur Abschaffung des Bürgergeldes als Ausdruck neoliberaler und menschenfeindlicher Logiken. Deutlich wurde dabei auch: Kritik richtet sich nicht nur nach „oben“, denn viele Vorgesetzte stehen selbst im Widerspruch zu diesen Zwängen. Es braucht viel mehr eine kritische Auseinandersetzung in der Breite der aktuell praktizierenden und neu lernenden Fachkräfte und ein politisches Selbstverständnis im Berufsalltag. So können und müssen wir kapitalistische
Verwertungslogiken benennen, kritisieren und uns langfristig solidarisieren mit Kolleg:innen und Klient:innen.

Der Abend klang bei Gesprächen im Café Weltbühne mit Getränken und leckerem Essen der „Küche für Alle“ von „Feuer und Pfanne“ aus. Für uns bleibt klar: Eine kritische, menschenwürdige Soziale Arbeit braucht gemeinsamen fachlichen, politischen Austausch und Widerstand.